
Diesmal: Geschichte in der Maxi-Version!
Meine Liebste und ich statten dem Bremer Freimarkt – auch das Oktoberfest Norddeutschlands genannt – einen Besuch ab. Karussells, Futterbuden, Festzelte, tausend Leute… Na, das kann ja was werden!
“Meine Güte, ist das voll hier!”
“In diesem Gedrängel kann man nicht umfallen, Süße…”
“Vorsicht!”
“Was denn??”
“Drück meine Hand nicht so fest!”
“Aber ich…”
“Ich hab meine Fingernägel eben noch lackiert!”
“Na und??”
“Drück da nicht so drauf!”
“Wieso, sind die noch nicht trocken, oder was??”
“Das gibt Abdrücke!”
“Ach so! Und wie soll ich bitte dann…”
“Los, wir gehen jetzt Spanferkel-Brötchen essen, ja?”
“Also ich möchte kein Spanferkel, glaube ich…”
“Was möchtest du denn?”
“Hm…”
“Oh, schau, da ist ein Fischstand daneben, da gibt´s Backfisch!”
“Backfisch, hm…”
“Du nimmst am besten einen Backfisch.”
“Naja, ich weiß nicht…”
“Dann kann ich den mal bei dir probieren.”
“Ich dachte, du willst Spanferkel??”
“Ja, und das kannst du dann mal bei mir probieren!”
“Aber…”
“Schatz, wenn wir nicht bald mal was essen, verhungere ich!”
“Aber Backfisch…”
“Seit Stunden kannst du dich nicht entscheiden!”
“Ich wollte halt erst einmal gucken…”
“Du kriegst jetzt Backfisch!”
“Ich hätte aber viel lieber eine Currywurst…”
“Die kriegst du, nachdem wir in der Geisterbahn waren.”
“Welche Geisterbahn??”
“Die da, da gehen wir gleich hin!”
[Nachdem sowohl das Spanferkel als auch der Backfisch ihr Leben für uns lassen mussten, steuern wir das "Daemonium" an, eine Geisterbahn mit "lebenden Akteuren".
8 Euro später stehen wir in der Schlange und warten darauf, dass wir in eine der Gondeln einsteigen können.]
“Schatz, sag mal, möchtest du in einer Geisterbahn arbeiten??”
“Nein, es reicht mir schon, in einer zu wohnen…”
“Das soll ja wohl jetzt keine Anspielung auf mich sein, oder??”
“Nein, nein, Schatz… Nein, nein…”
“Und wieso wohnst du dann in einer Geisterbahn??”
“Ich meine, wegen der, ähm… Wegen…”
“Wegen der vielen Spinnweben in der Rumpelkammer?”
“Genau! Die hättest du ja auch schon längst mal wegmachen können.”
“Pff! Gut, dass ich die nicht weggemacht habe.”
“Gut? Was ist daran gut??”
“Weil ich ab heute von dir jeden Tag 4 Euro Eintritt verlange.”
“Bitte?? Dann werde ich…”
[Ich kann meinen Satz nicht beenden, da unsere Gondel kommt und wir von einem grimmigen Mitarbeiter der Geisterbahn in den Wagen hinein geschubst werden. Kaum geht die Fahrt los, senkt die Liebste ihren Kopf auf ihre Oberschenkel und legt die Hände über dem Hinterkopf zusammen...]
“Liebste?? Was machst du denn da??”
“Ich verstecke mich.”
“Wovor??”
“Die greifen einem hier in die Haare oder pieken einen oder so!”
“Aber so siehst du doch gar nichts!”
“Das macht nichts.”
“Komm sofort wieder nach oben!”
“Nein!”
[Die Fahrt ist nach ca. 1 Minute vorbei und tatsächlich wurden andere Leute in den Gondeln vor und nach uns von versteckten Gestalten persönlich erschreckt; nur wir nicht...]
“Die haben ja gar nichts gemacht!?”
“Nee. Du hast dich ja auch versteckt…”
“Aber dich hätten die doch erschrecken können!”
“Haben sie aber nun mal nicht.”
“Die werden sich selbst erschrocken haben, als sie dich sahen…”
“Sehr witzig! Sonst noch was?!”
“Wir gehen jetzt zum Kettenkarussell.”
“Habe ich gar nicht gesehen??”
“Da, das große Ding!”
[Es handelt sich beim "Starflyer" tatsächlich um ein Kettenkarussell, allerdings kreiselt man bei dem Ding nicht gemütlich am Boden mit Schunkelmusik, sondern in 55 Meter Höhe bei Techno und kräftigen Wind! Mir ist nicht ganz wohl bei der Sache und ich wundere mich, dass die Liebste einen solchen Vorschlag macht...]
“Kettenkarussell mag ich sehr.”
“Ähm, Schatz, das ist kein normales Karussell, ich meine…”
“Wieso? Kettenkarussell ist Kettenkarussell, oder nicht?”
“Naja, ich meine, wo dir doch schon auf unserem Balkon schlecht wird…”
“So hoch ist das doch gar nicht!”
“Hallo?? 55 Meter, frei hängend, an rostigen Ketten??”
“Jetzt stell dich nicht so seniorenhaft an und komm!”
“Wollen wir nicht lieber erst mal eine Runde zuschauen??”
“Ach was!”
[Meine Liebste kauft zwei Eintrittskarten und zerrt mich hinter sich her. Wenige Augenblicke später sitzen wir in unserer Doppelschaukel mit angelegten Sicherheitsgurten und fest verriegelten Stangen vor den Händen. Die Maschine beginnt, das Karussell langsam zu drehen und auf 55 Meter Höhe zu ziehen; der Wind ist beachtlich. Ich spüre, wie die Liebste meine Hand kräftig zusammendrückt, kein gutes Zeichen...]
“Uaahhaahaaaa! Ohgottogottogott! Mir wird schlecht!”
“Schatz! Wir sind gerade mal 5 Sekunden oben!”
“Hoffentlich wird das nicht schneller!”
“Glaube ich nicht…”
[Das Karussell wird - nach einer "lustigen" Ansage des Mannes am Mikrofon - heftig schneller...]
“AHAHAAHAHAAAHAHAAAAAHAHAHAAAAA! Schatz! Hilfe!!”
“Bleib ruhig Schatz, ganz ruhig, schneller wird es nicht.”
[Das Karussell beschleunigt - nach einem erneuten "spaßigen" Spruch des Mikromannes - auf gefühlte 20 Umdrehungen pro Sekunde. So schnell, dass sich die Kettensitze beinahe waagerecht nach außen richten! Der steife böige Wind sorgt dafür, dass die Gondeln zusätzlich noch auf ihrer eigenen Achse hin- und her drehen...]
“SCHAAAAAAATTZZZ! ICH WILL HIER RAUS!!!!”
“Jetzt nicht!”
“ARGGHGAAAGAAGAAAHHH BABABABABAAA!!”
“Liebste! Drück meine Hand nicht so stark, dein Nagellack!”
“MEIN NAGELLACK IST MIR TOTAL SCHEISSEGAL!!”
“Aber du bohrst deine Fingernägel in meine Hand!”
“AAAAAAAHHHHHHAAAAAAHHHH! Geht´s schon wieder runter??”
“Ja, aber nur langsam…”
[Das Karussell verharrt in 55 Meter Höhe...]
“OH GOTT IST MIR SCHLECHT! Geht´s auch wirklich runter??”
“Ja, aber eben langsam…”
[Das Karussell verharrt nach wie vor in 55 Meter Höhe bei Vollgas...]
“LÜGST DU MICH AUCH NICHT AN??”
“Nein, nein, gleich hast du es geschafft!”
[Auch mir wäre es mittlerweile lieber, das Karussell würde wieder nach unten gehen, tut es aber nicht... Der "heitere" Mann am Mikro erläutert, dass er uns noch ein paar Extrarunden schenkt, weil wir alle so nette Leute seien. Unerbittlich rüttelt der Wind an den Ketten und die Gesichtszüge der Liebsten sind versteinert, ebenso wie ihre Hand...]
“SCHAAATZ!! ICH MUSS MICH ÜBERGEBEN!!! UUUHHHRRGGHHH!”
“JETZT NICHT! GLEICH!”
[Endlich wird der Starflyer langsamer, die Kettensitze beruhigen sich etwas und es geht wieder nach unten... Als die Liebste aus ihrem Sitz springt, kann sie kaum mehr stehen. Eine junge Frau, die wohl die nächste Fahrt mitmachen wollte, überlegt es sich spontan anders, nachdem sie die Liebste gesehen hat. Ich greife mir die Liebste, halte sie fest und schiebe sie die Treppen hinunter auf den Vorplatz des Starflyers.]
“Boah, ist mir schlecht! Ich muss mich irgendwo hinsetzen!”
“Liebste, setz dich hier auf die Stufen…”
“Hier nicht! Wenn ich mich übergeben muss, dann nicht hier…”
[Die Liebste rennt volles Programm los, während sie allerdings meinen Arm noch festhält und ich aufgrund dessen nur knapp einem Crash auf dem Kopfsteinpflaster entgehe... Ohne Rücksicht auf Verluste steuert die Liebste eine Poffertjes-Bude an und noch bevor ich mich fragen kann, warum sie ausgerechnet dort hin will, zerrt sie mich durch einen kleinen Spalt an der Seite ins Dunkel hinter die Poffertjes-Bude. Hier sieht es ein wenig aus wie nach einem Bombeneinschlag, umringt von Wohnwagen, Paletten, Mülltonnen, Kisten und Werkzeugen.]
“ICH FALLE JETZT GLEICH UM, HILFE!”
“Schatz, setz dich doch erst mal da auf die Kiste…”
[Plötzlich geht die Hintertür der Poffertjes-Bude auf und drei erschrockene Personen in roten Schürzen schauen uns verdutzt an. Dem selbsterklärenden Gesicht der Liebsten sowie ihrer nicht mehr vorhandenen Gesichtsfarbe war es wohl zu verdanken, dass die drei "Holländer" sofort jede nur erdenkliche Hilfevariante anbieten, die ihnen einfällt. Während die Liebste jammernd erläutert, was passiert ist, gehe ich ein Stück zurück um die Bude herum und sehe, wie ca. 20 Leute ungeduldig vor der Theke auf ihre Poffertjes warten, während sich aber niemand mehr hinter den gusseisernen Formpfannen befindet, die bereits anfangen, zu qualmen... Etwas überrumpelt von den Ereignissen gehe ich schnell zurück zu meiner Liebsten, um die Holländer abzulösen, bevor die Poffertjes-Bude abbrennt, dann der gesamte Freimarkt abfackelt und wir als Auslöser morgen in der Zeitung stehen...]
“Schatz, die sagen, ich soll Wasser mit Salz trinken!”
“Ähm, so?”
“Ich glaube, ich möchte jetzt lieber nach Hause…”
“Tja, dann warten wir noch eine Minute und dann gehen wir besser…”
“Lass uns gehen, es tut mir leid…”
“Macht ja nichts, kann passieren…”
“Boah, ist mir schlecht!”
“Also, ich muss sagen, selbst für mich war das Karussell zu heftig…”
“Das Karussell?”
“Ähm… Das Kettenkarussell, ja? Schon vergessen??”
“Mir ist doch nicht von dem Karussell schlecht!”
“Wie bitte?? Wovon denn dann??”
“Das war der Backfisch, den ich bei dir probiert habe.”
“Ja klar, der Backfisch, sicher!”
“Eigentlich wollte ich ja noch ins Riesenrad…”
“WAS?? Bist du jetzt total verrückt geworden!?”
[Noch während ich das sage, beugt sich die Liebste über einen kleinen blauen Eimer und übergibt sich, als gäbe es kein Morgen mehr...]
“Boah, ist mir schlecht…”
“Ähm, das sieht man…”
“Wir müssen nächstes Jahr unbedingt wieder hier hin kommen!”
Kopfschüttel…