Neulich waren wir seit langem mal wieder im Zoo. Ich dachte, dass meiner Liebsten vor allem die kleinen und niedlichen Tiere gefallen, aber da hatte ich mich getäuscht. Mit einem Zaun oder Wassergraben zwischen uns und den Tieren hatte sie auch großen Gefallen an den großen Tieren. Das Nilpferd hätte sie wohl am liebsten gleich mitgenommen:

„Oooch, guck mal Schatz, das arme Nilpferd! Wie traurig das guckt!“
„Vielleicht kann ich es ja mit einem Witz aufheitern!“

„Nein, das ist bestimmt so traurig, weil es eingesperrt ist!“
„Mir ist das ganz recht so…“

„Ach, das arme Tier! Und es hat auch keine Gesellschaft!“
„Wieso, da sind doch noch mehr.“

„Ja, aber die halten alle Abstand.“
„Vielleicht ist das arme, traurige Nilpferd abgrundtief bösartig?“

„Nein Schatz, guck doch mal, wie lieb es herschaut!“
„Das ist bestimmt einer seiner Tricks. Es wartet, bis du über den Zaun kletterst, und dann frisst es dich mit einem Haps.“

„Du bist blöd! Nilpferde fressen keine Menschen.“
„Ach! Und wieso ist da ein Zaun drumherum?“

„Na, damit niemand reingeht.“
„Eben. Weil das aggressive Nilpferd den armen, wehrlosen Besucher sofort tottrampeln und auffressen würde!“

„Quatsch! Nilpferde sind Pflanzenfresser!“
„Stell dir mal vor, du bist dein Leben lang eingesperrt, da wirst du doch auch komisch, oder?“

„Wie meinst du denn das?“
„Na ja, du würdest doch auch komische Gedanken bekommen…“

„Hä? Was für Gedanken?“
„Na, das Nilpferd ist vielleicht schon schizophren. Oder es hat Lust auf Fleisch bekommen.“

„Ich bin nicht schizophren! Und ich esse auch ganz oft vegetarisch!“
„Ich sage ja auch nicht, dass du ein Nilpferd bist.“

„Ach, da bin ich aber froh! Und wieso stellst du dann Vergleiche zwischen dem Nilpferd und mir an?“
„Das war doch nur zur Verdeutlichung… Man wird in Gefangenschaft halt krank. Psychisch, mein ich.“

„Ich bin nicht psychisch krank!!!“
„Das sag ich doch auch gar nicht… Ich habe ja auch nie behauptet, dass du eingesperrt gewesen wärst!“

„Natürlich bin ich nicht eingesperrt! Wieso machst du denn dann so komische Vergleiche?“
„Na, damit du siehst, dass das Nilpferd jetzt vielleicht auch Fleisch frisst.“

„Das tut es eben nicht. Seit wir hier stehen, liegt Ramona da und döst und guckt traurig rum.“
„Ramona?“

„Ja, so habe ich sie genannt. Weil sie so traurig guckt.“
„Da fände ich Hannibal passender… Sie frisst bestimmt auch ihre Artgenossen!“

„Schatz, du bist doof! Und du hast keine Ahnung. Lies mal, was hier auf dem Schild steht!“
„Flusspferd (Hippopotamus amphibius). Lebensraum: mittleres und südliches Afrika. Das Flusspferd ist ein reiner Pflanzenfresser…‘“

„Da! Da hast du’s! Ein Pflanzenfresser!“
„Ja klar, die reden hier ja von Nilpferden in freier Natur. Aber wenn eines eben einen an der Waffel hat, weil es die ganze Zeit eingesperrt ist, dann trifft das ja nicht mehr zu. Die können ja auf das Schild schlecht schreiben: ‚Das Flusspferd ist üblicherweise ein normaler Pflanzenfresser. Nur bei schweren psychischen Störungen frisst es auch Fleisch, so wie hier.‘“

„Also hör mal. Mir ist noch nie was zu Ohren gekommen von Nilpferden mit psychischen Störungen.“
„Und was glaubst du, weshalb es dann so traurig guckt?“

„Na hab ich dir doch gesagt: Weil es so einsam ist! Du bist doch auch traurig, wenn ich mal weggehe.“
„Also…“

„Oder etwa nicht?“
„Doch, doch! Aber…“

„Aber was?“
„Aber das ist doch bei Menschen nicht genauso wie bei Nilpferden!“

„Jetzt vergleichst du mich schon wieder mit einem Nilpferd!“
„Nein, ich mein ja nur…“

„Ach, das ist ja zwecklos, mit dir darüber zu diskutieren. Gehen wir lieber zum nächsten Gehege.“
„Was ist dort?“

„Wilde Esel.“

Kopfschüttel…