Manchmal entdeckt man völlig unerwartet neue Seiten seines Partners. Mir ist das neulich beim Frühstück passiert, als ich feststellte, dass meine Liebste ein Faible für hochgeistige Lyrik zu haben scheint. Ich verstehe davon zwar nichts, aber ich glaube, das spielt bei diesen Werken auch überhaupt keine Rolle. Wir saßen also beim Frühstück und sie las mir aus der Zeitung vor:

„Schwer wogt der Nebel
von der nächtlichen Wacht
Luna ist fern
ihr Schein fällt ganz sacht
auf die Dinge, im Morgen entrückt.
Kein Auge sah je ein Schauspiel wie dies.“

„Häää?“

„Das ist ein Gedicht, hier aus dem Feuilleton. Wie findst’n das?“
„So ein Schrott!“

„Nein, hör nochmal: Schwer wogt…“
„Liebste, ich hab schon gehört. Ich hab keine Ahnung, was das sein soll.

„Na, ein schönes Gedicht!“
„Ich kapier da gar nix.“

„Berührt dich das denn nicht? Diese schöne Sprache?“
„Nöö. Gib mir mal bitte den Sportteil.“

„Da. Das ist doch leicht zu verstehen: Es ist neblig, der Mond scheint noch ein bißchen und es sieht ganz geheimnisvoll aus… so bezaubernd halt, verstehst du, mit so einem speziellen Licht.“
„Nein.“

„Ich glaube, dir fehlt das Gefühl für Lyrik… Was ist denn daran nicht zu verstehen?“
„Na, zum Beispiel wieso der Dichter das so geschwollen ausdrückt!“

„Wenn er eine Pressemeldung wie in deinem Sportteil schreiben würde, wär’s doch kein Gedicht mehr!“
„Aber man würd’s wenigstens verstehen: ‚Es war neblig, dazu ein wenig Mondschein, und Dinge standen rum, die noch niemand gesehen hat.‘“

„Aber das ist doch Quatsch!“
„Sag ich ja!“

„Nein, schon inhaltlich stimmt deine Kurzfassung nicht – es heißt ja ‚ Kein Auge sah je ein Schauspiel wie dies‘.“
„Gut, also könnte er meinetwegen schreiben: ‚Es war neblig, dazu ein wenig Mondschein, Dinge standen rum, sowas hat noch keiner gesehen.‘ Ich hab keine Ahnung, was daran so toll sein soll.“

„Na ja, in deiner Version ist es ja auch kein Gedicht, das ist ja nicht lyrisch. Das wäre so, wie wenn ich den Spielbericht von Werder Bremen gegen FC Duisburg…“
„MSV Duisburg…“

„Meinetwegen MSV, also wenn ich da schreiben würde: ‚90 Minuten, ein Tor für Duisburg, Ende.‘“
„Na das ist doch Quatsch. Erstens spielt Duisburg in der zweiten Liga, und zweitens gewinnen die doch nicht in Bremen!“

„Das war doch nur ein Beispiel dafür, dass du ein Gedicht nicht einfach zusammenfassen kannst!“
„Wieso? Hab ich doch gut gekonnt. War alles drin.“

„Nur die Poesie eben nicht. Die macht das Gedicht so geheimnisvoll.“
„Quatsch mit Soße. Wenn du mich fragst: Der kokst garantiert.“

„Nein, das verstehst du nicht. Der ist eben ein sensibler Typ.“
„Oder er hat halt einen Dachschaden.“

„Ach, du hast da kein Gefühl dafür. Stell dir mal vor, dein Sportteil wäre poetisch verfasst!“
„Dann würde ich ihn halt nicht mehr lesen. Das wäre doch viel zu umständlich.“

„Das ist eben das Schöne an der Poesie – dass sie alles so im Ungefähren lässt!“
„Sag mal, Schatz… Ist was in deinem Kaffee?“

„Nein, ich versuche nur, dir das Gedicht zu erklären!“
„Das wirst du wohl nicht schaffen.“

„Also pass auf. Dein Spielbericht würde sich in etwa so anhören:
Ein Tor ist gefallen
in der langen Zeit
es jubeln die einen
für die anderen: Leid.“

„Ähh… Und wie soll ich jetzt wissen, wer der Torschütze war? Und wieviele gelbe Karten es gab? Und die Einzelkritiken? Und der Schiri?“

„Na ja, das könnte man ja noch ausbauen. Soll ich’s mal probieren?“

Kopfschüttel…