Trotzdem. Jeden Tag. Mehrmals. (photocase.de © hlarry)Meine Liebste und ich sitzen bei einem Glas Orangensaft im Vorraum des Bremer Schauspielhauses und warten auf den Beginn der Vorstellung. Es ist immer wieder spannend, sich andere Leute anzuschauen, die das gleiche vorhaben, wie man selbst.

„So richtig schick ist hier aber keiner…“
„Das stimmt Süße, aber es ist ja auch keine Oper.“

„Trotzdem kann man sich doch nett anziehen?“
„Ja. Aber du trägst ja auch kein Abendkleid.“

„Ich habe ja auch keins!“
„Bitte?? Du hast sogar zwei!“

„Ja, aber die sind hierfür nicht geeignet.“
„Und wieso nicht?“

„Die sind schon wieder zu schick.“
„Aha. Schon klar.“

„Nicole, die hat schöne Abendkleider.“
„Deine Freundin aus Köln?“

„Ja. Die geht oft mit Stefan abends weg.“
„Das klingt so, als würden wir nie was unternehmen!?“

„Naja…“
„Sind wir jetzt hier oder sind wir hier oder hier?“

„Ja.“
„Also.“

„Nicole hat sich voll mit Stefan in der Wolle.“
„So? Warum denn?“

„Ach, das ist kompliziert.“
„Danke, das hast du sehr ausführlich beschrieben.“

„Nicole hat ihn gestern den ganzen Tag nicht angerufen.“
„Das ist schlimm…“

„Und er sie auch nicht.“
„Wie schrecklich… Ich dachte, die beiden wohnen zusammen?“

„Ja, tun sie ja auch.“
„Na dann sehen sie sich doch abends, oder?“

„Klar.“
„Und warum ist das dann so schlimm?“

„Was?“
„Na dass die beiden tagsüber nicht telefoniert haben?“

„Na weil die das sonst immer tun!“
„Aber die müssen doch beide arbeiten, oder?“

„Na und? Die telefonieren trotzdem. Jeden Tag. Mehrmals.“
„Wie bitte??“

„Das ist doch wohl normal!“
„Aber die wohnen doch zusammen und sehen sich jeden Tag?“

„Also andere machen das auch.“
„Den ganzen Tag telefonieren??“

„Ja. Astrid und Frank, Anne und Michael, Tine und Olli…“
„Das kann doch nicht wahr sein!“

„Nur weil du mich nie anrufst, gilt das nicht für alle anderen!“
„Schatz! Ich muss tagsüber echt arbeiten!“

„Du telefonierst doch auch ständig mit deinen Kunden.“
„Ja, und das ist sehr zeitaufwendig.“

„Warum rufst du mich nicht mal an?“
„Weil ich tagsüber nun wirklich keine Zeit dafür habe.“

„Das glaube ich nicht.“
„Das fangen wir gar nicht erst an!“

„Ich würde mich freuen, eine SMS täte es auch.“
„Schatz! Wir machen doch schon sonst alles gemeinsam!“

„Na und?“
„Ich glaube nicht, dass Olli, Frank und Stefan…“

„Jetzt weich nicht vom Thema ab!“
„…dass die freiwillig bei ihren Freundinnen anrufen.“

„Das ist gar nicht… Oder meinst du wirklich?“
„Ich vermute es.“

„Wie kommst du denn darauf?“
„Weil Männer auf der Arbeit ihre Ruhe haben wollen.“

„Du auch?“
„Ja, ich auch.“

„Vor mir?“
„Naja, ich meine, nicht so, also… Ja.“

„Heißt das, ich gehe dir auf die Nerven?“
„Nein, so habe ich das nicht gemeint…“

„Ich dachte, du bist gerne mit mir zusammen.“
„Das bin ich ja auch, aber tagsüber muss ich eben…“

„Wenn man jemanden lieb hat, ruft man ihn gerne mal an!“
„Ich habe dich lieb, Schatz.“

„Aber nicht tagsüber.“
„Doch, dann auch.“

„Aber du willst nicht mit mir sprechen.“
„Doch, aber ich KANN mit dir dann nicht sprechen!“

„Du findest doch sonst immer für alles eine Lösung!“
„Wie bitte?“

„Sagst du jedenfalls immer.“
„Na gut, dann habe ich dafür jetzt auch eine Lösung.“

„Ach ja? Du rufst mich morgen an?“
„Nein.“

„Sondern??“
„Ich verspreche dir hier und jetzt und hoch und heilig, dass…“

„…dass du mich anrufst?“
„Nein, dass ich dich ganz doll lieb habe, auch wenn wir mal für ein paar Stunden
nicht miteinander reden.“

„Dann verspreche ich dir jetzt auch was.“
„Und was?“

„Dass du gleich in der Vorstellung 2 Stunden Ruhe vor mir hast!“

Kopfschüttel…