Total verfressenMeine Liebste und ich klappern über die Feiertage unsere Familien und Freunde ab. Insbesondere bei unseren Eltern gibt es natürlich jedesmal reichlich zu essen, das heißt: Kräfte einteilen! Wir haben bereits den ersten Gang hinter uns.

„Gibt es bei euch Weihnachten immer Rouladen?“
„Ja Süße. Seit ich denken kann, macht meine Ma die jedes Jahr.“

„Die sind sehr gut; kriegt jeder nur eine?“
„Da liegen doch noch welche, nimm dir doch noch.“

„Aber wir sind sechs Leute und da liegen nur noch vier.“
„Und? Meine Schwester isst immer nur eine, und meine Ma auch.“

„Was??“
„Wie was? Die beiden essen jedes Jahr eben nur eine.“

„Dann kann ich doch nicht zwei essen!“
„Und warum nicht?“

„Das sieht ja total verfressen aus!“
„Ach was, wenn´s dir schmeckt, dann nimm doch.“

„Nimmst du auch noch eine?“
„Nein, ich hatte schon zwei, es reicht.“

„Na gut, dann gib mir noch eine.“
„Auch Soße?“

„Ja klar, auch Soße.“
„Vielleicht auch noch einen Kloß?“

„Ja, Klöße gehören dazu.“
„Also einen Kloß, bitte sehr…“

„Sollen wir den Kloß nicht teilen?“
„Nein.“

„Warum denn nicht?“
„Schatz, ich bin echt satt, danke.“

„Hier, ich schneide dir die Hälfte ab, ja?“
„Nein, ich möchte deinen halben Kloß nicht, wirklich.“

„Ich schaffe aber keinen ganzen mehr!“
„Du hast ihn dir aufgeladen, also.“

„Aber ich schaffe den doch nicht mehr jetzt.“
„Himmel, dann frag meinen Vater, ob der vielleicht…“

„Ich frage doch nicht deinen Vater!“
„Und warum nicht? Der verdrückt den Kloß schon noch!“

„Den halben.“
„Was?“

„Na einen halben Kloß möchte ich ja selber futtern.“
„Iss doch einfach, was du magst und den Rest…“

„…soll ich dann liegen lassen, nee!“
„Schatz, dein Essen wird kalt.“

„Kann ich auch noch etwas Rotkohl haben?“
„Wie bitte?? Ich denke, du schaffst das sowieso nicht?“

„Rotkohl ist doch etwas völlig anderes!“
„Wieso ist das was anderes??“

„Der flutscht. Und dann sind die Klöße nicht so trocken.“
„Die Klöße sind dir zu trocken?“

„Nicht so laut! Die sind gut, aber zu Klößen gehört Soße.“
„Na schön, hier hast du den Rotkohl. Und nochmal die Soße.“

„Willst du nicht doch noch den halben Kloß?“
„Nein Schatz. Danke.“

„Du könntest das ruhig mal für mich tun.“
„Was? Einen halben Kloß essen??“

„Nein, mich nicht so doof aussehen lassen.“
„Schatz! Du lädtst dir den Teller voll, und ich soll dann…“

„Wenn ich mein Essen nicht schaffe, denken deine Eltern, es würde mir nicht schmecken.“
„Dann sag ihnen doch, dass es dir schmeckt!“

„Oder es sieht gierig aus, wenn ich was über lasse.“
„Quatsch!“

„Die Roulade schaffe ich auch nicht, glaube ich…“
„Och nee, das darf doch wohl nicht wahr sein!“

„Los, hilf mir jetzt, ich kann nicht mehr!“
„Na gut, gib mir den halben Kloß rüber.“

[Erwartet hatte ich, dass meine Liebste den Kloß aufspießt und zu mir verfrachtet. Allerdings greift sie sich flink meinen beinahe sauber geleckten Teller und tauscht ihn mit ihrem, der noch voll beladen ist mit Rotkohl, Klößen, bergeweise Soße und einer halben Roulade.]

„Lass es dir schmecken!“
„Schatz, ich dachte eigentlich…“

„Jetzt sei still und stell dich nicht so an…“
„Ich wollte doch aber nur noch einen halben…“

[Mit großer Mühe versuche ich, denn Teller zu leeren. Jeder Versuch, das Besteck vorzeitig abzulegen, wird gleich mit einem gekonnten Tritt unter dem Tisch von meiner Liebsten vereitelt.]

„Siehste, jetzt hast du es geschafft! War doch nicht schlimm!“
„Nein, es war lecker, aber viel zu viel. Ich platze…“

„Mal sehen, wie der Nachtisch schmeckt; Eis mit Mandarinen!“
„WAS?? Es gibt auch noch Nachtisch?“

„Klar! Hier liegen doch die kleinen Löffel, schau!“
„Und woher weißt du, was es gibt?“

„Ich habe vorhin in der Küche deine Ma gefragt.“
„Das Eis schaffe ich echt nicht mehr, keine Chance!“

„Ich habe extra noch Platz für den Nachtisch gelassen.“
„Aha, aber ich nicht, dummerweise…“

„Warum isst du denn dann auch so viel!?“

Kopfschüttel…